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Erschienen im Jahr 1992 ist „Träume, Sex und Tod“ das Debütalbum der berüchtigten deutschen Gothic-Band Umbra et Imago. In einem ganz anderen musikalischen Stil und auch auf anderem produktionstechnischen Niveau bewegten sich Frontmann und Konzeptgeber Mozart und seine Mitmusiker zur damaligen Zeit. Soundgebend waren überwiegend Keyboard- und Synthesizerklänge, die Songs waren länger und auch etwas langsamer und ruhiger, als sie in den Folgejahren wurden. Man merkt den Stücken an, dass sie von Autodidakten erarbeitet worden sind. Ich finde, das macht ihre Besonderheit aus. Auch die Texte stammten auf diesem Erstling noch nicht ausschließlich vom Sänger und behandeln – getreu dem Titel – Träume, Sex und Tod.

„Never“ eröffnet das Album sehr eingängig im Stil einer getragenen Dark-Wave-Nummer mit Popeinschlag. Die Melodie ist ein echter Ohrwurm und Mozart singt mit ungewohnt sanfter Stimme von einer verflossenen Liebe und der folgenden Einsamkeit. „Her sleep“ geht dann in eine experimentellere Richtung; Mozarts teilweise kreischende Stimme wird ziemlich stark verzerrt, was den Track für mich ein wenig anstrengend zu hören macht. In „Rider in the rain“ erzählt der Text fast prosaartig von einem trügerischen und letztendlich unerfüllten Traum und einem einsamen Weg durch die regnerische Nacht, um eben jenem zu entkommen. Mit einem lateinischen Text, mittelalterlich-angehauchten Melodiebögen und sehr hohem Gesang unterbricht „Desiderium“ die eigentliche Stimmung des Albums. „Falling“ hat einen flotten Beat und wird ebenfalls sehr leidenschaftlich von Mozart gesungen. Mit einem sehr langgezogenen Intro beginnt mein persönlicher Lieblingssong auf dieser CD. „Last dream“ ist eine sehr getragene 10-minütige Nummer, bei der sich in die schwebenden Synthesizersounds ein schräger, aber passend eingefügter, Gitarrensound mischt. Gänsehaut verpasst Mozart dem Zuhörer, wenn er im Refrain die Stimme pathetisch in die Höhe reißt. Das ist zwar alles nicht ganz gerade dargeboten, aber es fügt sich, spätestens nach mehrmaligem Hören zu einem sehnsuchtsvoll-schönen Klangteppich. Dem Sexaspekt, der im Albumtitel angeteasert wird, trägt die Band mit dem anschließenden „Erotica“ Rechnung. Eine orgiastisch stöhnende Frauenstimme unterstützt Mozarts Vortrag seines Textes, der damals vielleicht für einen kleinen Skandal sorgte, aus heutiger Sicht jedoch etwas bemüht wirkt. Allerdings muss man Texter Mozart lassen, dass er durch die zwar sehr poetische, aber direkte Wortwahl zumindest stilsicher geblieben ist, ohne zu sehr im Kitscheimer zu landen. Seinen Abschluss findet „Träume, Sex und Tod“ in dem 14-minütigen „Vision“, das im Arrangement sehr facettenreich ist. Der Sound pendelt zwischen minimal-elektronisch untermaltem Gesang und voranpreschendem Gitarrensound, der auf diesem Album ja noch eine echte Seltenheit war.

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Ich bin ein großer Fan dieses Albums. Auf der einen Seite mag ich diese verträumten und schwebenden Keyboardsounds, denen Mozart mit seinem an einigen Stellen deutlich weicheren Gesang harmonisch gegenübersteht. Unterstützend wirken andererseits die wunderschönen schwarz-weiß Fotografien von Dirk Lakomy im Booklett. Im Gegensatz zu vielen Folgealben von Umbra et Imago ist das Artwork noch nicht so sehr auf nackte Frauen und BDSM-Sexpraktiken ausgelegt, was aber wohl auch an der anfänglich noch zurückhaltenden inhaltlichen Ausrichtung lag. (Auch, wenn das Cover anderes zu versprechen scheint.) Für Umbra-Fans ist dieses Album natürlich ein Muss, doch auch Leute, die mit den späteren Alben nichts anfangen können, sollten einmal ein Ohr riskieren. Es ist defintiv anders und auch trotz des Alters von inzwischen 25 Jahren immer noch gut hörbar. Gutgemachte, authentische Musik ist eben zeitlos!

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