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Die hohe Qualität eines Songs wird besonders dann ersichtlich, wenn er in einer ganz puren und reduzierten Form noch funktioniert, sprich, wenn alle Dekoration verschwunden ist und trotzdem ein innerer Kern mit einer spürbaren Substanz übrig bleibt. Die beiden Kreativköpfe hinter dem Alternative-Orchester Die Kammer Marcus Testory und Matthias Ambré präsentieren auf dieser frisch vorgelegten EP neun Stücke, die sie beide fast ausschließlich allein mit ihren Gitarren interpretierten. Live scheint dieses minimierte Ensemble gut zu funktionieren, die beiden sind in dieser Form demnächst mit der Gruppe Letzte Instanz auf Tour, aber gelingt es diesen besonderen Lagerfeuercharme auch auf einer CD zu konservieren und als Hörer entsprechend nachzuempfinden?

Die Trackliste von „minimized“ setzt sich aus drei komplett neuen Stücken, drei reduziert dargebotenen Songs aus den vergangenen Seasons und drei Interpretationen von Stücken anderer Bands zusammen. „Taught to survive“ eröffnet würdevoll und gehört zu den munteren Kammerstücken. Durch das Wegfallen der Streicher und der Tuba steht der Gesang logischerweise mehr im Mittelpunkt des Geschehens, was aufgrund von Marcus Testorys ausdrucksstarkem Organ jedoch ausgezeichnet funktioniert. Ich bin auf jeden Fall gespannt, wie „Taught to survive“ mit der kompletten Band umgesetzt anmuten wird, denn ebenso, wie die beiden anderen Vorboten aus dem kommenden vierten Album, klingt das hier schon mal äußerst vielsversprechend. Spannend wurde es für mich besonders bei den Neuvertonungen von „The seeming and the real“ und „The line of last resistance“, zwei meiner persönlichen Favoriten. Besonders letzteres, das in seiner Albumversion ja sehr bombastisch daherkommt, wirkt hier völlig anders, auch was den Gesang angeht. Gerade durch diesen variierten Stimmeinsatz büßt der Song nichts an Kraft ein. Ebenso überrascht war ich von der ersten Coverversion – wenn man das so nennen darf – „Demon love“ der Gothic-Novel-Rock-Band ASP, bei der Matthias Ambré bekanntermaßen ein bedeutendes Mitglied war. Ob es sich hierbei, und auch bei der Interpretation von Chambers „Maybe first we die“, um eine kreative Rotweinlaune oder um eine selbsttherapeutische Maßnahme zur Vergangenheitsbewältigung handelte, ist Sache der Künstler. Mir als Rezensent und Musikfan bleibt zu sagen: Diese Versionen haben definitiv ihre Berechtigung; zeigen sie doch abermals, wie anders Lieder und deren Inhalte wirken können, wenn man sie nur in ein verändertes Gewand kleidet. „Demon love“ kam im ASP’schen Original beispielsweise wesentlich epischer und majestätischer daher, während der hier vorliegende Track um einiges verzweifelter intoniert wird. Als eindeutige Fremdkomposition – an den beiden eben genannten waren Testory und Ambré schließlich jeweils beteiligt – kredenzt man dem Hörer noch als Bonbon das Stück „Home“ von Depeche Mode.

Die Kammer - Bochum 13.01.2017

Diese „Zwischenveröffentlichung“ ist eine spannende und auf äußerst angenehme Weise unterhaltsame Angelegenheit. Das Bild der abgedunkelten Kammer, in der die beiden Musiker sitzen und gemeinsam vor sich hin musizieren, ist beim Hören stets vor dem geistigen Auge präsent, denn die Stimmung, die diese Produktion verbreitet, besitzt die Authentizität des, bei dieser Formation immer mitschwingenden, Singer/Songwriter-Charmes. Somit lässt sich die eingangs aufgeworfene Frage eindeutig mit JA beantworten; ich fühlte mich beim Lauschen jedenfalls sehr wohl, es fehlte nur noch das Knacken des Lagerfeuers. 😉 Respekt, die Herren, wenn man sein Handwerk versteht und mit einer gewissen Leidenschaft bei der Sache ist, braucht man offensichtlich nicht viel Instrumentarium, um auch andere Menschen mit seinem Tun zu begeistern.

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